Der Spiegel vom 12.Mai 1969 (Ausgabe 20/1969) schrieb:

Späte Milde

„  …

Ablehnend, fast unverändert ist das Meinungsklima, in dem die Abgeordneten des Deutschen Bundestags einen Strafrechts-Paragraphen zu Fall brachten, über dessen Abschaffung sieben Jahrzehnte lang in deutschen Parlamenten debattiert worden ist. Wie beim Bann gegen die Todesstrafe mußte der Gesetzgeber besseres Wissen und höhere Einsicht gegen eines der hartnäckigsten Vorurteile deutscher Bürger durchsetzen.

In zweiter und dritter Lesung verabschiedete der Bundestag am Mittwoch und Freitag letzter Woche ein "Erstes Gesetz zur Reform des Strafrechts":

Homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern sollen vom 1. September (1969) an nicht mehr unter Strafe stehen. ... "

 

Endlich keine Strafandrohung und -verurteilung mehr für Männerliebe zwischen erwachsenen Männern - für eine schwule Liebe.

Was für eine Erleichterung und rosige Zukunft!

 

Der Spiegel schreibt weiter:

" ... Gleichwohl wird auch die beschränkte Reform dazu beitragen, das Schicksal einer Minderheitengruppe zu erleichtern, auf die der Erlanger Religions-Philosoph Hans Joachim Schoeps das Wort prägte, für sie sei "das Dritte Reich noch nicht zu Ende".

Betroffen ist mehr als eine Million männlicher Homosexueller in der Bundesrepublik, dazu noch etwa zwei Millionen bisexuell Veranlagte, die nur gelegentlich aus ihren -- von der Gesellschaft einzig sanktionierten -- Bindungen an das andere Geschlecht ausbrechen.

Nahezu 100 Jahre lang, seit Bestehen des deutschen Strafgesetzbuches von 1871, war es männlichen Homosexuellen bei Androhung von Gefängnisstrafe -- und seit der Nazi-Ära teils sogar bei Zuchthausandrohung -- untersagt, ihrer Veranlagung gemäß zu leben. ... "